Immaterielles Kulturerbe Bayern
Bäuerliche Gemeinschaftswälder im Steigerwald

Festakt

Festakt

Ein Festakt „Immaterielles Kulturerbe Bayern“ fand in Schloss Schleißheim statt.

Die Gemeinschaftswälder im Steigerwald wurden in das Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Übergabe der Urkunde erfolgte am 3. Juli 2018 im Neuen Schloss in Schleißheim. Viele Vertreter des Landkreises waren dazu nach Oberbayern gereist.

Was sind Bäuerliche Gemeinschaftswälder - und woher kommen sie?

In historischer Zeit wurden Wälder fast überall in vielfältigster Weise gemeinschaftlich genutzt. Holz war der wichtigste und nahezu einzige Energieträger, der am universellsten einsetzbare Bau- und Werkstoff. Als Brennholz diente vor allem Laubholz, das nach der Ernte wieder aus dem Stock ausschlug und sich selbst regenerierte.
Heute gibt es nur noch wenige Regionen in Deutschland, in denen eine traditionelle gemeinschaftliche Waldnutzung stattfindet. Eines dieser Gebiete ist der Steigerwald, eine Kulturlandschaft, die von den Städten Bamberg, Höchstadt, Neustadt a. d. Aisch, Bad Windsheim, Uffenheim, Iphofen, Wiesentheid, Gerolzhofen und Eltmann eingerahmt wird.
Julius Echter schrieb die Stockausschlagwirtschaft – in späterer Zeit „Mittelwaldwirtschaft“ genannt – als optimale Form der Waldnutzung in der ersten Forstordnung von 1574 fest.
Die Übernutzung insbesondere der ortsnahen Wälder sollte damit verhindert werden. Das Oberholz, also die starken Stämme sicherten einen Vorrat an Bau- und Nutzholz. Das Unterholz sicherte die Energieversorgung.
Holz war knapp, Holz war teuer, Holz war überlebenswichtig.
Zunehmender Holzbedarf führte zu Holzmangel, führte mancherorts zur Holznot und zwang zur strengen Einhaltung der bereits bestehenden Regularien.
Zu diesen Regularien gehörte und gehört auch bis heute die gerechte Verteilung des knappen Gutes an alle Teilhaber des gemeinschaftlich genutzten Waldes.

Nachhaltig und gerecht – wie funktioniert das?

Wie kann man den Wald so bewirtschaften, dass er immer wieder Ertrag abwirft, ja, dass er auf Dauer nicht übernutzt wird?
Bei der Brennholznutzung geschieht das dadurch, dass der Gemeinschaftswald beispielsweise in 30 gleich große Flächen aufgeteilt wird und immer nach 30 Jahren des Nachwachsens die gleiche Fläche geerntet wird. Jedes Jahr teilen sich also alle Berechtigten, alle Mitglieder der Gemeinschaft, alle Teilhaber des Anspruchs, das in dreißig Jahren nachgewachsene Holz auf einem Dreißigstel der Fläche.
Dies geschieht in jeder Ortschaft nach einem anderen Verfahren, nach anderen Gewohnheiten, nach besonderen Regeln, aber immer so, dass es möglichst gerecht zugeht, und dass Ungerechtigkeiten sich über die Jahre hin ausgleichen lassen.
Die jährliche Schlagfläche wird dabei ähnlich wie ein Schachbrett in gleiche Parzellen aufgeteilt. Anstelle eines Metermaßes bediente und bedient man sich alter Längeneinheiten, zum Beispiel dem Schuh oder Klafter, und verwendet bis heute die Gertstange als Längenmaß.
Darstellung auf der Bühne am 03.07.2018:
Von Ortschaft zu Ortschaft verschieden ist die Vorgehensweise beim Abmessen und Markieren der Schlagflächen. Vorstand und Mitglieder der Rechtlergemeinschaften Weigenheim und Bullenheim zeigten symbolisch, wie die Hiebsflächen in ihrem Wald mit der Gertstange gerecht ausgemessen und danach gekennzeichnet werden, ein Brauch der im Mittelalter entstanden ist und bis heute in Weigenheim so praktiziert wird.
Die bäuerlichen Gemeinschaftswälder symbolisieren auf vielschichtige Weise das forstliche Nachhaltigkeitsprinzip, sowohl im Umgang mit Natur und Landschaft bzw. mit der Ressource Holz wie auch im Hinblick auf die gemeinschaftlich ausgeübte Waldbewirtschaftung. Dieses auf sehr alten Regeln basierende Miteinander stärkt das soziale Gefüge in den Ortschaften und ist im besonderen Maße Identität stiftend.
Nicht auf jeder Fläche im Wald wächst der Wald gleich.
Gleiche Fläche bedeutet also nicht automatisch gleiche Holzmenge und gleichen Arbeitsumfang. Deshalb ist es in vielen Ortschaften im Steigerwald bis heute üblich, nach der gerechten Aufteilung der Hiebsfläche in „Lauben“, „Beete“, „Gerte“, „Maßen“ oder wie immer diese kleinen Parzellen genannt werden, die Zuteilung zu verlosen. Jede Parzelle bekommt also eine eigene Nummer, deren Zuordnung dem Zufallsprinzip unterliegt.

Bäuerliche Gemeinschaftswälder als lebendiges Kulturerbe

Das Verlosen der Parzellen dient der Gerechtigkeit. Die Holzvergabe ist ein gesellschaftliches Ereignis, das oftmals in der Dorfwirtschaft stattfindet, in anderen Ortschaften im Rathaus, in wieder anderen im Wald.
Darstellung auf der Bühne am 03.07.2018:
Die Zuteilung der Schläge durch Würfeln, Verlosen oder Verlesen der Hausnummern ist von Ortschaft zu Ortschaft verschieden. Vorstand und Mitglieder der Rechtler rund um den Dreifrankenstein, aus den Gemeindegebieten Burghaslach und Schlüsselfeld zeigten, wie eine Verlosung ablaufen kann.
Aber nicht nur die Holzvergabe ist ein gesellschaftliches Ereignis, nein - das gesamte Wesen um den Wald und seine Nutzung war und ist ein wesentlicher Bestandteil der Dorfkultur.
Es wurde und wird im Steigerwald bis heute gemeinschaftlich gelebt und als fester Bestandteil der Heimat empfunden. Das Holzmachen gehört wie die Kirchweih zum Jahresrhythmus: Nach der Ernte die Weinlese, nach der Weinlese das Holzmachen. Nach dem Holzmachen die Holzversteigerung, bei der Kronenholz und Stammholz in Geldwerte umgesetzt werden und mancherorts Anlass zu weiterer Festivität sind.
Bei den bäuerlichen Gemeinschaftswäldern handelt es sich um eine der ältesten Formen bäuerlicher Selbstorganisation.
Die Erfahrung von Selbstorganisation und Selbstwirksamkeit sorgte für jahrhundertelanges Überdauern und sorgt bis heute für eine hohe Motivation, das Anteilsrecht weiterhin zu nutzen und die Tradition aufrecht zu erhalten.
Die Steigerwälder und Steigerwälderinnen sind stolz auf ihren Wald.
Sie nutzen die in ihm steckenden Kräfte und Werte in traditioneller Weise und passen sich zugleich an die veränderten Rahmenbedingungen behutsam an. Statt der Axt wird freilich die Motorsäge eingesetzt, statt dem Herstellen von Reisigbündeln, dem „Wellenmachen“ werden Hackschnitzel aus dem Kronenholz hergestellt und statt Fichten werden trockenheitstolerante Elsbeeren gepflanzt.
Das Kulturerbe lebt, das Kulturerbe wird in die Jetztzeit mitgenommen und weiterentwickelt! Gerade deshalb sind die Freude und der Stolz auf das neue Kulturerbe-Siegel besonders groß, heißt es doch seit altersher: Wein und Holz – des Steigerwälders Stolz.